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Retrospektive: Münchner Gruppe


Wie das Leben sein sollte

 

Die Münchner Gruppe war Vieles. Für viele. Zu verschiedenen Zeiten. Was ziemlich bemerkenswert ist, da es sie gerade mal eine halbe Dekade lang gab. Wenn überhaupt: Max Zihlmann meint ja, dass es die Münchner Gruppe nie gegeben hat. Was es gab, waren ein paar Leute, die eine Zeitlang zusammen Filme gemacht haben. Sofern sie nicht gemeinsam ins Kino gingen, den Mädchen nachstellten, soffen, flipperten oder irgendwie sonst die Tage dahinziehen ließen - so wie die meisten Protagonisten ihrer Filme. Darum ging es: Kino und Leben sollten auf irgendeine Weise dasselbe werden - oder zumindest so viel wie möglich miteinander zu tun haben. Am Anfang bestand die Münchner Gruppe aus Rudolf Thome, Klaus Lemke, Max Zihlmann, Peter Nestler sowie Jean-Marie Straub und Daniele Huillet, den Unterzeichnern eines unüberlieferten „Zweiten Oberhausener Manifests" aus dem Jahr 1965, in dem sie gegen die Ablehnung ihrer Filme und gleichzeitig gegen den „nepotischen" Akademismus des „Jungen Deutschen Films" protestierten. Das war das einzige Mal, dass die Münchner überhaupt als Gruppe auftraten: Nestler hatte persönlich nichts mit „Lemke-Thome-Zihlmann" zu tun - den hatte Straub mit ins Spiel gebracht. Straub und Huillet wiederum waren zwar die Mentoren-Götter der drei - deren Ausführungen sie gerne lauschten und deren Gegenwart sie ganz physisch in die Nähe der verehrten Nouvelle Vague brachte (schließlich kannte Straub ja Godard) -, doch mit ihnen gearbeitet hatten „Thome-Lemke-Zihlmann" nie (wenn man Thomes Kurzauftritt als Kellner in _Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt wo Gewalt herrscht" 1964 außen vor lässt).

 

Dafür hatten Thome und Zihlmann schon mit Eckhart Schmidt zu tun gehabt - wie sie ein Filmkritiker, der auch wollte, dass alles anders wird im bundesdeutschen Kino. Und zwar so, wie er es aus den Filmen von Howard Hawks, Otto Preminger oder Nicholas Ray kannte und via Cahiers du Cinema auf eine ganz bestimmte Art zu lieben wusste. Dann kam Lemke. Die Böcke zickten. Lemke musste sich zwischen Schmidt und „Thome-Zihlmann" entscheiden. Und er tat das auch - und zwar, ohne zu zögern. Schmidt machte alleine weiter, und wie!

 

Ab hier wird es definitionstechnisch kompliziert, da es nun in den Bereich der Wahlverwandtschaften geht. „Thome-Lemke-Zihlmann" waren ein Nukleus, um den herum sich andere scharten: May Spils und Werner Enke, Marquard Bohm, Niklaus Schilling, Martin Müller, Veith von Fürstenberg, Roger Fritz und Marran Gosov, um nur die wichtigsten zu nennen. Die meisten von ihnen hatten schon mit Thome oder Lemke gearbeitet oder würden es demnächst tun - Enke spielt in mehreren Lemke-Filmen mit, Schilling macht des Öfteren Kamera bei Thome und Lemke, Bohm sollte zum Axiom des frühen Thome-Kinos werden -, pflegten aber, wenn man mal genau hinschaut, eine etwas andere Haltung zum Kino als sie.

 

„Thome-Lemke-Zihlmann" zusammen mit Nestler, Straub und Huillet: Das ist die wahre Nouvelle Vague - Kino als Utopie von einem unentfremdeten Leben, wundervoll wirklichkeitsbewusst, gelassen in seinem inszenatorischen Materialismus, dem das Gras und die Tapete und ein Lächeln im progressivsten Sinne gleich sind. Bürgerlich in einem Sinne, der heute fast vergessen und dabei kostbar ist. „Thome-Lemke-Zihlmann" zusammen mit Spils, Schilling u. a.: Das ist Swinging Munich - erzkontemporär, lässig, Modemagazin-authentisch cool, kosmopolitisch, oft flapsig. Dann verträumt, spinnert und ein bisschen kühl ab und an. Bei der einen Konstruktion gibt es Modelle, bei der anderen Models - die Grenzen sind fließend, aber bezeichnend... Dass in „Thome-Lemke-Zihlmann" all das drinsteckt, lässt ahnen, wie genial die Burschen waren und immer noch sind.

 

Circa 1970 zerfällt alles: '68 ging für das allgemeine Empfinden den Bach runter (was eine falsche Ansicht ist). Die ersten Langspielfilme entstanden und machten klar, dass alle eigentlich etwas anderes wollten - auch wenn alles nahe beieinander war, eigentlich. Damit kam es auch zu den ersten veritablen Katastrophen. Es wurde ernst, die Kasse spielte plötzlich eine Rolle. Die einen hatten Erfolg, die anderen weniger. Dann zog es Lemke nach Hamburg, Thome bald nach Berlin; Straub und Huillet fühlten sich in Italien und Nestler in Schweden besser aufgehoben. Aber es hatte sich etwas verändert im bundesdeutschen Film.

 
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Seite zuletzt geändert > 27.05.2008