MOTIV: Disco

Disco 1 | Do, 7. Juni | 19:30 Uhr | B-Movie
Disco 1 | Sa, 9. Juni | 22:00 Uhr | zeise 2

Disco 2 | Fr, 8. Juni | 20:00 Uhr | IKFF Festivalzentrum Gebäude H, Postgelände Kaltenkircher Platz: Kino Lampenlager
Disco 2 | Sa, 9. Juni | 17:45 Uhr | B-Movie

 

»The exquisite truth is to know that it is a fiction and that you believe in it willingly.«

       -Wallace Stevens, ›Adagia‹, 1957        

»When I first came to New York … when you went out to dance, disco had no uniform sound. … It was distinct enough for the discaire to begin a set quietly, build gradually to a climax, then let you down to start all over again. … [Y]ou could follow the tantalizing process by which the discaire laid a solid foundation of slow songs and then subtly … built you up to the catharsis, say, of Deodato’s ›2001‹. One thing is for sure. Disco was different then. The music was darker, sexual, troubled. Today the darkness has vanished and the light is everywhere.«

       -Andrew Holleran, ›Dark Disco: A Lament‹, 1979 

»Wiggling is in my survival kit. — Dancing, too.«

       -Sara Ahmed, ›Living a Feminist Life‹ (dt.: ›Feministisch leben! Manifest für Spaßverderberinnen‹), 2017

Ein dunkler Raum. Ein gleißender Lichtstrahl. Für einen Moment verharrst du, regungslos, in Beobachtung. Dein Blick streift wirbelnde Glieder, trifft auf Augen, fragmentierte Bewegungen. Klänge und Bilder überfluten dich, reißen dich mit, bis du bereit bist, loszulassen. Disco und Kino, so verschieden ihre Dispositive auch anmuten, vieles haben sie gemeinsam. Beide schaffen Magie aus Dunkelheit und Licht, erzeugen Fantasien, versetzen Körper in Bewegung, forcieren Gefühle. Sie verlangen, dass du die Klappe hältst und dich hingibst. Mit Foucault können beide als Heterotopie gedacht werden, als Orte, in denen gesellschaftliche Normen und die herkömmliche Ordnung der Zeit suspendiert sind. Disco und Kino, sie dealen mit Sehnsucht und Begehren.

Disco: ein Musikgenre, ein Ort, eine Ära, eine ›Gefühlseinstellung‹ (Dyer). Vier Dekaden nach dem Höhepunkt des Discokugelrausches scheint Disco von ziemlich abgestandenem Mief umgeben. Anstelle von Discos gibt es jetzt Clubs.

Abhängig von Alter und soziokulturellem Hintergrund evoziert der Begriff Disco Erinnerungen an ›Hot Stuff‹ oder an schmerzhafte Peinlichkeiten, ruft entweder Nostalgie oder pure Verachtung hervor. Chic, Gloria Gaynor, The Village People. Drogenbefeuerte Tanzflächenekstase, Schweiß, anonymer Sex. Glitter und Rollschuhe. Großraumdiscos an Autobahnkreuzen im Nirgendwo. Formelhafte Plastikmusik, Polyesterparade. Gay Liberation. Clone Style. Disco Demolition Night.

Was die illustre Kombination von Disco und Bewegtbild betrifft, so scheint das kulturelle Gedächtnis auf Ilja Richters Fernsehsendung ›disco‹ und John Badhams Film ›Saturday Night Fever‹ fixiert. Beide sind wahre Schmuckstücke – doch das Sonderprogramm DISCO öffnet eine gänzlich andere Schmuckschatulle.  

›You Make Me Feel (Mighty Real)‹, sang der bezaubernde Sylvester im Jahre 1978 und schuf einen der fabelhaftesten Hits der Glitterball Culture. Seine High-NRG-Ode an sexuelle Befreiung und Tanzflächenhitze ist eine Queer-Disco-Hymne – und das Lied, zu dem Tracey Emins ›Why I Never Became a Dancer‹ seinen kathartischen Höhepunkt erreicht. Inspiriert von Emins Video feiert das Sonderprogramm künstlerische Filme, die Musik, Mode, Rituale und Orte von Disco unter die Lupe nehmen. Disco fungiert als Kunstgriff der Untersuchung von deviantem Begehren, Machtdynamiken sowie Fragen der individuellen und kulturellen Identität. Das erste Programm, ›Liberation‹, widmet sich ganz den politischen Aspekten von Disco: Sex, Gender, Klasse, Race. Dancing Queers und feministische Spaßverderberinnen, dieses Programm ist für euch! Programm Nummer zwei, ›Love, Bygone‹, lockt mit bittersüßen Nostalgiehäppchen in ein Finale wilder Bilderraserei. To the hustle!    

DISCO ist ein wilder und sinnlicher Verführer. Eine kinky Diva und Intellektuelle, die absolute Anbetung verlangt. Wer sich auf sie einlässt, wird mit magischen Anblicken unartiger Jungs und böser Mädchen belohnt. In manchen Filmen geht es auf die Tanzfläche, in anderen an die Bluejeans. Männer werden abgezockt, Flüssigkeiten fließen. Alle Filme kriechen unter die Haut. Sylvester wird auch zu hören sein. Der dunkle Raum Disco verschmilzt mit dem schwarzen Kasten Kino. DISCO: You make me feel mighty, reel.

Text und Programmauswahl Mara Marxsen

Mara Marxsen ist Filmwissenschaftlerin und Kuratorin mit den Schwerpunkten Experimentalfilm und Medienkunst. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg und promoviert über die Darstellung von Teenagerinnen in den Filmen von Sarah Jacobson, Sadie Benning und Jennifer Reeder.